Zum Inhalt
Der Weg zur Mitte
Hōzan sitzt reglos auf dem Stein am Fluss

15Der Wanderer und der leere Resonanzraum

Kapitel 15 von 20

Hōzan, Wanderdichter

Wer leer wird, kann hören.

Zuhören als leeres Gefäß, Mitgefühl

Kapitel hören

Beim Laden wird eine Verbindung zu YouTube (Google) hergestellt. Direkt auf YouTube ansehen

Übung: Zuhören als leeres Gefäß

Bereit, wenn du es bist.

  1. Wenn jemand spricht, lass deine Antwort ruhen.
  2. Hör nur zu, mit offenem Blick.
  3. Wenn ein Urteil kommt, lass es vorbeiziehen.
  4. Atme einmal, bevor du antwortest.

Die Geschichte in Bildern

Kies knirschte unter den flachen Strohsandalen. Mit gleichmäßigen Schritten wanderte Hōzan auf dem schmalen Uferpfad nach Osten, während das späte Mittagslicht die fernen Berggipfel in ein warmes Ocker tauchte und der reißende Fluss neben ihm unaufhörlich rauschte. Der hölzerne Stab wog schwer. Der kühle Herbstwind strich durch sein dünnes Gewand aus grobem Leinen. Doch während seine Füße gleichmäßig den grauen Staub der Straße traten, eilten seine Gedanken dem ermüdeten Körper bereits weit voraus, da sich sein Geist unaufhörlich mit der Sorge um eine sichere Herberge befasste und er im Stillen unablässig nach den passenden Silben für ein neues Gedicht suchte.
Da trat plötzlich ein gebeugter Bauer aus dem Ufergebüsch und begann mit lauter, klagender Stimme von der anhaltenden Dürre zu berichten, die die gesamte Ernte im Tal vernichtet hatte. Hōzan blickte den Mann an, doch die Worte drangen kaum an sein Ohr. Seine Gedanken blieben starr bei den eigenen Entwürfen. Die Worte verhallten wirkungslos. Er spürte ein enges Ziehen im Hals, während sein Atem immer kürzer wurde und sich eine kalte Einsamkeit in seiner Brust ausbreitete. Die Einsamkeit wuchs. Er beschloss, das gewohnte Ringen zu beenden.
Er hielt inne. Durch dieses plötzliche Einstellen aller eigenen Gedanken öffnete sich in seinem Inneren ein weiter Raum, in dem das bittere Leid und die Verzweiflung des geplagten Mannes erstmals einen tiefen, mitfühlenden Nachhall fanden. Der Bauer spürte diese Zuwendung. Die tiefen Furchen im Gesicht des Mannes glätteten sich sachte, während der anfangs so stürmische Fluss der Klagen allmählich an Wildheit verlor und in einen leisen, klagenden Singsang überging, der sich harmonisch mit dem Rauschen des nahen Wassers verband.
Hōzan verstand sich fortan als leeres Gefäß, das den Klang der Klagen wertfrei aufnahm. Während der Bauer weitersprach, lauschte er aufmerksam auf den rauen Ton und die tiefe Schwere der Stimme. Er ließ jedes Urteil über die Gerechtigkeit dieser Vorwürfe ruhen. Die Worte klangen wie ferne Glockentöne in seinem Inneren nach. Sobald sich der gewohnte Drang regte, das Gehörte mit einem schnellen Spruch zu erwidern, zügelte er diese Regung sogleich. Er lenkte sein Augenmerk beharrlich auf das nackte Lauschen zurück. Er lauschte bloß. Dieses schlichte Hören trug ihn durch die Minuten.
Doch diese Ruhe erfuhr eine plötzliche Erschütterung, als die Stimme des Bauern einen schärferen Klang annahm. Der Bauer klagte ihn an. Sofort regte sich heftiger Widerstand in seiner engen Brust, da sich seine Muskeln in den Schultern augenblicklich anspannten und eine unbändige Welle der Rechtfertigung in ihm aufstieg, die sein ganzes Inneres in Aufruhr versetzte. Ein scharfes Wort lag auf seiner Zunge. Nur ein winziger Augenblick des Vergessens hätte genügt, um einen heftigen Streit auf dem staubigen Uferweg zu entfachen. Ein solches Entgleiten der Zunge ließ sich im Nachhinein niemals wieder heilen. Ein kurzes Innehalten schenkte ihm die nötige Befreiung aus diesem engen Kreislauf. Er schuf dadurch einen weiten Abstand zwischen dem Vorwurf und seiner eigenen Reaktion. Indem er im kühlen Schweigen verharrte, entzog er dem Zorn jegliche Nahrung.
Er stand still. Während er mit der rauen Handfläche über seine schweißnasse Stirn fuhr, als könne er damit auch den dichten Staub der Landstraße fortwischen, betrachtete er aufmerksam das stete Entstehen und Vergehen seiner eigenen abwehrenden Gedanken, um dem aufkeimenden Zorn die Macht zu entziehen. Sein Geist bewertete stetig. Jeder einzelne Satz des Mannes wurde im Inneren sogleich mit einem Maßstab gemessen, der sich lediglich an seinen eigenen Erwartungen und den Entbehrungen der eigenen Pilgerschaft orientierte, statt die nackte Not der Dürre in ihrer Einfachheit anzuerkennen. Seine Gedanken erzeugten eine künstliche Unruhe, in der die Klagen des Bauern wie lästiger Lärm wirkten.
Der Weg lehrte ihn jedoch, Worte wie Wellen zu betrachten, die an das Flussufer spülten. Klagen blieben bloße Laute in der Luft. Erst das eigene Urteil verlieh ihnen eine zerstörerische Kraft. Indem er jede Bewertung zurückhielt, gab er den Rufen des Bauern das Recht, einfach da zu sein. Er erkannte, dass diese Bitterkeit lediglich dem gepeinigten Herzen des Mannes entsprang. Diese Anklage betraf sein Wesen nicht. Im Geiste sah er die harschen Sätze wie Flusswasser an einem runden Kieselstein vorbeigleiten. Er hielt sie nicht fest. Sobald eine stumme Klage über die Ungerechtigkeit der Anschuldigung aufkam, benannte er diese Regung im Stillen als vorüberziehenden Nebel. Augenblicklich kehrte er zum reinen Hören zurück.
Das Vorhaben misslang. Jedes Mal, wenn ein bitterer Unterton oder ein neuer Vorwurf sein Ohr erreichte, zog sich das Gewebe in seiner Brust augenblicklich eng zusammen, während ein spürbarer Druck seinen Nacken steif werden ließ und seine Kehle sich weigerte, frei zu atmen. Ein starker Drang zur Selbstrechtfertigung ergriff ihn. Er wollte die Mühsal des wandernden Lebens mit lauten Worten erklären. Dieses verzweifelte Bedürfnis, das eigene Ansehen vor dem Fremden zu schützen, raubte ihm jedoch wertvolle Kraft. Er fühlte einen drückenden Schmerz im Nacken, während sich seine Kehle eng zuschnürte. Das mutige Ablegen dieser inneren Rüstung wies ihm den Weg zur inneren Befreiung. Seine Abwehrhaltung entsprang lediglich der Täuschung, dass die Klagen eines unzufriedenen Mannes seinen eigenen Wert verringern könnten. Wenn er erkannte, dass sein tiefstes Wesen unantastbar blieb, verlor jeder Schutzschild seine Dringlichkeit. Die Waffen der Verteidigung niederzulegen bedeutete keineswegs Schwäche. Es war vielmehr das Zeichen einer unerschütterlichen Stärke. Er gab die Abwehr auf. Wer fest in sich selbst gründete, konnte den Schmerz des anderen unvoreingenommen ertragen.
Um diesen Drang endgültig abzuklingen zu lassen, stellte Hōzan seinen knorrigen Pilgerstab behutsam gegen einen Weidenstamm am Wegesrand und blickte schweigend über das graue Band des Flusses hinweg in das ferne Hügelland. Die Worte verhallten ungehört. Jeglichen Versuch, sie durch kluge Reden richtigzustellen, wies er entschlossen von sich. Im Körper spürte er, wie das wilde Pochen allmählich nachließ. Die Stille breitete sich aus wie das morgendliche Licht auf den Dächern. Es blieb jedoch schwer, diesen inneren Raum dauerhaft offenzuhalten. In jedem Gespräch drohte der Geist sogleich in das alte Muster der Abwehr abzurutschen. Jedes Zwiegespräch geriet leicht zu einer Waagschale, in der jeder Sprecher seine eigenen Argumente beschweren wollte, um die Waage zu den eigenen Gunsten zu neigen. Ein solcher Sieg des Egos hinterließ stets eine tiefe Kälte. Während man sich im Recht wähnte, war die lebendige Verbindung zum Gegenüber verloren gegangen. Eine dumpfe Einsamkeit folgte dieser Trennung. Wahre Verständigung begann erst dort, wo das Zuhören dem Verstehen diente und nicht dem Gewinnen. Dieses Lauschen ohne stumme Gegenwehr beruhigte die Gemüter beider Männer, da das unsichtbare Ringen schwand. Es ging nicht um das Teilen einer Meinung, sondern um das geduldige Wahrnehmen der Not hinter den bitteren Worten.
Er stellte leise Fragen. Mit ehrlicher Anteilnahme erkundigte er sich nach den versiegten Brunnen und den vertrockneten Äckern im Tal, um den wirklichen Schmerz hinter der Wut des Mannes in seiner vollen Tiefe zu begreifen. Er spürte eine deutliche Wandlung der Begegnung, als der Zwang zur raschen Antwort endgültig von ihm abfiel. Wer sich dem Zwang des Siegens entzog, fand den Weg zum Anderen. Er wusste wohl, dass sich das harte Los der Bauern durch Worte kaum lindern ließ. Das Leid im Tal blieb bestehen, und der traurige Anblick rührte ihn zutiefst.
Er sammelte sich unten. Er lenkte seine gesamte Aufmerksamkeit bewusst nach unten in den Bauchraum, zwei Fingerbreit unter dem Nabel, wo er einen tiefen Punkt der Ruhe und ein stabiles Gewicht spürte, das seine aufgeregten Gedanken wie Blei nach unten zog und ihm feste Stabilität verlieh. In diesem inneren Fundament spürte er ein stabiles Gewicht. Die Sorgen des Geistes sanken nach unten und fanden dort eine beruhigende Schwere. Dieses Mitten-Spüren hob die Not des Mannes nicht auf. Es schenkte dem Dichter jedoch ein unerschütterliches Fundament, um dem Bauern im Mitgefühl standhaft gegenüberzustehen.
Er reichte dem Erschöpften seine Kürbisflasche mit frischem Wasser und setzte sich ruhig neben ihn auf einen flachen Stein am Flussufer. Gemeinsam blickten sie auf das breite Flussbett, während das Wasser in ruhigen Bahnen dahinfloss und sich die Kühle des hereinbrechenden Abends sanft über das weite Tal legte, in dem die lauten Klagen des Tages allmählich verhallten.