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Der Weg zur Mitte
Aiko sitzt reglos am Kohlebecken

16Die Heilerin und die Gabe der Selbstfürsorge

Kapitel 16 von 20

Aiko, Heilerin

Auch Risse können golden werden.

Selbstmitgefühl

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Übung: Selbstmitgefühl

Bereit, wenn du es bist.

  1. Leg eine Hand auf die Stelle, die gerade schwer ist.
  2. Sprich zu dir wie zu einem Menschen, den du liebst.
  3. Sag still: Das ist gerade schwer. Ich bin für mich da.
  4. Atme drei Mal warm in deine Hand.

Die Geschichte in Bildern

Unter dem dichten Schilfdach ihrer kleinen Holzhütte kniete Aiko am späten Abend vor dem glimmenden Kohlebecken, während der prasselnde Sommerregen unaufhörlich auf das getrocknete Gras über ihr trommelte. Die Kühle des Abends kroch durch die Ritzen der Wände. Seit vielen Jahren versuchte die Heilerin des Tals, ihre Arzneien noch vollkommener zuzubereiten und die Leiden der Bauern noch schneller zu lindern. Der heisere Husten des alten Köhlers und die geschwollenen Gelenke der Weberin lagen ihr Tag und Nacht schwer auf dem Gemüt. Jede Klage nahm sie wie eine eigene Bürde auf ihre Schultern.
Doch hinter diesem rastlosen Eifer verbarg sich ein unerbittlicher Richter in ihrem eigenen Kopf. Sie betrachtete ihr gesamtes Können wie ein rohes Stück Holz, an dem ständig geschnitzt werden musste, damit es endlich einen Nutzen besäße. In diesem ständigen Streben nach Makellosigkeit verbot sie sich das schlichte Verweilen im gegenwärtigen Augenblick. Sie quälte sich stetig.
Die Wende begann mit einer einfachen Einsicht. Aiko erkannte, dass wahre Heilung nicht aus einer noch größeren Anstrengung entsprang, sondern aus dem geduldigen Annehmen ihrer eigenen Natur. Es ging für sie nicht darum, vollkommen zu sein, sondern sich in all ihrer Erschöpfung anzunehmen. Ihr Geist beruhigte sich sachte. Sie war nicht zerbrochen. Der zehrende Kampf gegen die eigenen Schwächen verlor an Kraft. Eine leise Milde breitete sich in ihrer Brust aus. Sie erhob sich von den weichen Strohmatten, trat an die Wandregale und begann, getrocknete Kräuterbündel neu zu ordnen, während der Duft von Beifuß und getrocknetem Ingwer die Kammer erfüllte.
Doch selbst in dieser Stille blieb sie vor Fehlern nicht geschützt. Als sie eine schwere Holzdose mit getrockneten Tragantwurzeln aus dem obersten Regalfach griff, entglitt ihr das glatte Holz. Das Gefäß stürzte zu Boden. Die hellen Wurzelstücke verstreuten sich klappernd auf dem Lehm.
Sofort erhob sich eine scharfe, schneidende Stimme in ihren Gedanken. Diese Stimme nannte sie eine unfähige Heilerin. Niemals hätte sie solche verletzenden Worte zu einem kranken Dorfbewohner gesagt, der Schutz und Hilfe unter ihrem Dach suchte. Einem Fremden hätte sie milde Worte des Trostes gespendet. Doch sich selbst gegenüber handelte sie wie eine grausame Feindin. Sie verurteilte sich härter, als es jeder kaiserliche Richter tun würde. Diese Kälte offenbarte eine tiefe Kluft. Nur das Mitgefühl des eigenen Herzens konnte diesen Abgrund überbrücken.
Die alten Meister lehrten, den eigenen Schmerz wie ein verletztes Tier zu behandeln. Fehler waren kein Makel, sondern das verbindende Band aller Lebewesen. Aiko saß schweigend auf dem Boden. Mit behutsamen Bewegungen sammelte sie die verstreuten Wurzeln ein. Sie legte Stück für Stück in das Gefäß zurück, ohne sich selbst anzuklagen.
Als sie sich am nächsten Morgen hastig an die Arbeit machen wollte, verharrte sie mitten im Schritt. Geduld war auch für sie selbst notwendig. Ein tiefes Aufatmen befreite ihre Brust.
Dennoch wich die Erschöpfung nicht an jedem Tag auf dieselbe Weise. Wenn ein Kranker trotz ihrer Tees nicht genas oder ihr der Dorfälteste mit kühler Ablehnung begegnete, fühlte sie sich schutzlos. Kälte zog in ihr Herz. In solchen Momenten stieg das Verlangen auf, sich hinter einer unnahbaren Miene zu verbergen oder sich durch noch unerbittlichere Arbeit zu beweisen. Doch diese Starre führte nur in die Einsamkeit. Aiko spürte den eisigen Zugwind, der durch die Ritzen der Wände strich. Sie zwang sich nicht weiter. Stattdessen gab sie dem Bedürfnis nach Schutz geduldig nach.
Sie holte ihren dicken Wollmantel aus der Truhe und legte ihn um ihre frierenden Schultern. Sie schürte das Feuer, legte neues Holz an die Herdstelle und sorgte für wohlige Wärme, während sie das Teewasser für ihre Patienten auf den heißen Steinen bereitstellte.
Jeden Morgen band sie ihr langes Haar mit einer seidenen Schnur hoch, ordnete die hölzernen Schalen auf dem Tisch und begann ihr Werk. Dennoch verflog der innere Friede oft rasch, sobald die lauten Sorgen des Alltags riefen. Die Angst, ein Kraut zu verwechseln oder einen Trank fehlerhaft zu mischen, brachte Unruhe. Sie wog jedes Blatt mehrfach ab. Dieses Festhalten an makelloser Arbeit wog schwer. Es trennte sie von der lebendigen Gegenwart. Doch in der Schönheit der zerbrochenen Gefäße, die mit goldenem Lack geklebt wurden, lag eine tiefe Weisheit. Eine makellose Schale erzählte keine Geschichte. Erst die sichtbaren Risse verliehen dem Ton Charakter und Würde. Ihre Fehler und ihre Müdigkeit waren die Spuren ihres Weges. Schwäche zuzulassen war keine Nachlässigkeit, sondern das Einfließen in den unvollkommenen Fluss des Lebens.
Aiko trat schließlich hinaus in den kleinen Hof. Der steinerne Brunnen stand ruhig im Halbschatten der alten Kiefer. Die Krankheiten im Dorf blieben bestehen. Die Linderung aller Leiden lag außerhalb ihrer Macht. Diese menschliche Grenze durfte sie in Demut akzeptieren. Sie trat an den steinernen Brunnen, schöpfte frisches Wasser und tauchte ihre Hände tief in die fließende Kühle der klaren Flut. Das Brunnenwasser wusch die Last der Verantwortung von ihren Fingern ab.
Mit gesammelten Schritten kehrte sie in die Hütte zurück. Sie schob den hölzernen Wandschirm vor die Tür und legte sich auf ihre Strohmatten nieder, während der Regen draußen leiser wurde und sich eine tiefe, wohlwollende Ruhe sanft in ihrer Brust ausbreitete, in der alle Sorgen des Tages verblassten.