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Der Weg zur Mitte
Yuki sitzt reglos unter dem Ahorn

17Die Wurzeln des Herzens

Kapitel 17 von 20

Yuki, Kräutersammlerin

Unter der Erde sind alle Wurzeln verbunden.

Verbundenheit

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Übung: Hände aufs Herz

Bereit, wenn du es bist.

  1. Leg beide Hände auf die Brust.
  2. Spür die Wärme und deinen Herzschlag.
  3. Denk an Menschen, mit denen du verbunden bist.
  4. Atme ruhig. Du bist nicht allein auf dem Weg.

Die Geschichte in Bildern

Langsam stieg Yuki den steilen Berghang hinauf, während der Korb aus Bambus leicht auf ihren Schultern wippte und die schmalen Riemen bei jedem Schritt spürbar in ihre Haut schnitten. Ihr aufmerksamer Blick schweifte über die dichten Wipfel des Zedernwaldes, in denen sie stets ein rastloses Ringen um das spärliche Licht der Höhe erblickte, während die mächtigen Stämme auch im felsigen Boden unaufhörlich um das verborgene Wasser stritten. Dieses Bild des ständigen Wettstreits übertrug sie oft auf das alltägliche Dasein der Menschen. In den Dörfern stritten die Bewohner ebenso erbittert um Nahrung und flüchtige Anerkennung. Durch diese düstere Sicht fühlte sich die Kräutersammlerin oft einsam und von der Welt verlassen.
Doch inmitten dieses tiefen Haders erinnerte sie sich an die Worte ihrer Großmutter, die sie einst die geheimen Pfade der Erde gelehrt hatte. Unter der dunklen Moosdecke des Waldbodens waren die stolzen Zedern keineswegs getrennt, da ein feines Geflecht aus hellen Fäden die Wurzeln im Verborgenen eng miteinander verband, sodass sich die Bäume in Zeiten der Dürre gegenseitig nährten und die schwachen Nachbarn durch ihre geteilte Lebenskraft stützten. Yuki begriff, dass auch zwischen den Menschen ein unsichtbares Band existierte. Es war ein Band der wärmenden Verbundenheit. Diese Einsicht löste die Illusion der Trennung allmählich auf.
Yuki hielt auf dem engen Gebirgspfad inne. Sie trat nahe an eine uralte Zeder heran, streckte ihre Hand aus und berührte die Rinde des mächtigen Stammes. Die Oberfläche fühlte sich rauborstig und angenehm kühl an. Der Baum stand seit vielen Menschenaltern an diesem steilen Hang. Er hatte unzähligen Stürmen getrotzt und jedem harten Frost widerstanden. Diese schlichte Berührung schenkte der Kräutersammlerin ein tiefes Gefühl von Halt. Sie atmete den herben Duft der Zedernnadeln ein. Sie spürte die stumme Beständigkeit des Waldes um sich herum.
Ihr Denken schweifte zurück zu den Besuchen in der fernen Stadt, wo sie die holzgetäfelten Stuben der Händler betreten hatte, in denen die Luft schwer nach Kerzenwachs und getrocknetem Fisch roch und die Kaufleute stets mit misstrauischen Blicken ihre einfache, grobe Kleidung musterten, während sie unbarmherzig um jeden Kupferpreis feilschten. In jenen engen Räumen fühlte sich Yuki seltsam fremd. Sie empfand eine tiefe Kluft zwischen sich und den geschäftigen Stadtbewohnern. Sie fühlte sich gänzlich abgeschnitten von der Natur. Die hölzernen Wände erschienen ihr wie enge Schranken.
Nach solchen Begegnungen suchte sie stets die kleine Herberge am Stadtrand auf. Sie öffnete das hölzerne Fenster ihrer Kammer und setzte sich stumm auf den Dielenboden. Ihr Auge folgte dem ruhigen Flug der Schwalben am Abendhimmel. Sie lauschte dem leisen Pfeifen des Windes. Das Geräusch strich über die Gassen und kühlte ihre Stirn. Dieses einfache Verweilen schenkte ihr wieder Ruhe. Auch inmitten der Stadt fand sie auf diese Weise eine Heimat.
Nun kehrten die Sorgen vor dem nahenden Winter in ihre Gedanken zurück. Die eisige Witterung würde bald die Pfade mit Schnee bedecken und zudem dachte sie an die Versäumnisse des vergangenen Jahres, als sie manche kostbaren Wurzeln zu früh gegraben hatte, sodass diese in ihrem feuchten Lager unbrauchbar geworden waren. Diese alten Fehler lasteten schwer auf ihrem Gemüt. Sie fühlte sich isoliert in ihrer kleinen Hütte. Sie glaubte, all diese Schwierigkeiten ganz allein bewältigen zu müssen.
In dieser trüben Stimmung dachte sie an ihre Vorfahren. Viele Generationen von Kräutersammlern waren vor ihr diesen steilen Pfad gegangen. Diese Menschen hatten ebenfalls große Not erfahren. Sie hatten Dürren überstanden. Sie hatten harten Wintern getrotzt. Trotz aller Gefahren hatten sie das Wissen über die Heilpflanzen bewahrt. Sie gaben die Erfahrungen an ihre Kinder weiter. Die Erinnerung an diese zähen Ahnen stärkte Yukis Willen. Das Wissen ihrer Vorfahren gab ihr ein Gefühl von Schutz.
Sie dachte an die staubigen Straßen der Stadt. Dort war sie oft hungernden Kindern und erschöpften Bauern begegnet, wobei ihre erste Regung stets das Errichten einer inneren Schutzwand gewesen war, um das fremde Leid nicht an sich herankommen zu lassen, eine Abwehr, die sie jedoch nur noch einsamer und ohnmächtiger zurückgelassen hatte. Doch mit den Jahren hatte sie gelernt, dem Elend mit offenem Herzen zu begegnen, indem sie einem hungernden Kind eine getrocknete Pflaume reichte oder einem müden Bauern ein wärmendes Wort schenkte, wodurch sich die Grenzen ihres eigenen Egos allmählich auflösten und sie sich als Teil eines größeren Ganzen empfand. Auch den feindseligen Händlern begegnete sie nun gelassener, da sie hinter ihrer Gier die nackte Angst vor dem Ruin und die Sorge um das Überleben ihrer Familien erkannte, was ihren Groll minderte und ihr erlaubte, mit sanfter Deutlichkeit zu sprechen.
Yuki ging nun weiter den steilen Berghang hinauf. Sie suchte im Schatten einer hohen Felswand nach seltenen Kräutern. Dort wuchsen die scheuen Mondkräuter im feuchten Moos. Die silbernen Blätter schimmerten zart im tiefen Schatten. Große Erleichterung breitete sich in ihrer Brust aus. Mit diesen Pflanzen konnte sie sich Nahrung für den Winter kaufen.
Vorsichtig kniete sie auf dem nassen Boden nieder. Behutsam schnitt sie die kostbaren Blätter ab. Die Ausbeute bettete sie Schicht für Schicht in ihren Bambuskorb. Im schwindenden Tageslicht des Nachmittags trat sie den Abstieg an. Mit raschen Schritten eilte sie über die rutschigen Pfade hinab.
Auf einer nassen Felsplatte rutschte sie plötzlich aus. Sie stolperte über eine verborgene Wurzel und stürzte den steilen Hang hinab, während ihr Bambuskorb in hohem Bogen gegen eine Zeder prallte und am Stamm zerschellte, sodass die wertvollen Blätter im Schlamm zerdrückt und gänzlich vernichtet wurden. Wilder Zorn stieg augenblicklich in ihrer Brust auf. Sie beschimpfte sich im Stillen für ihre Eile und die eigene Ungeschicklichkeit. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.
Schließlich setzte sie sich erschöpft unter ein dichtes Dach aus Ahornzweigen, zog die Knie fest an ihren Körper und spürte die Tränen der Enttäuschung heiß auf ihren Wangen. Unter den Blättern legte sie beide Hände flach auf ihre Brust, spürte das schnelle Hämmern ihres Herzens unter ihren Fingern und verharrte in dieser Berührung, während sie bei jedem Ausatmen dem steten Pochen lauschte, bis das Gefühl der Schuld allmählich schwand und sie ihr verletztes Herz mit derselben Wärme und Milde behandelte, die sie einem leidenden Waldtier im dichten Unterholz des Waldes geschenkt hätte, während sich die Stille des Abends sanft über das neblige Gehölz legte.