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Der Weg zur Mitte
Shinji sitzt reglos am Pult

6Der Schreiber und das ruhende Wort

Kapitel 6 von 20

Shinji, Amtsschreiber

Ein ruhiger Blick sieht weiter.

Ruhendes Sehen statt Kampf gegen Unrecht

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Übung: Ruhendes Sehen

Bereit, wenn du es bist.

  1. Wähle einen Gegenstand vor dir, etwa eine Kerze oder eine Tasse.
  2. Schau ihn an, ohne ihn zu bewerten.
  3. Lass den Blick weich werden und atme ruhig weiter.
  4. Bemerke, wie viel du siehst, wenn du nichts tun musst.

Die Geschichte in Bildern

Am niedrigen Zypressenpult, dessen dunkles Holz durch das jahrelange Gleiten seiner Ärmel eine spiegelnde Glätte erhalten hatte, verharrte Shinji in vornübergeneigter Haltung, als die kühle Morgenluft durch das geöffnete Fenster strömte und die feinen, ordentlich neben dem schweren Tuschestein aufgereihten Bögen aus Hanfpapier sachte bewegte. Ruhig führte er den Pinsel. Präzise saß jedes geschriebene Zeichen an seinem Platz, da das stete Reiben der dunklen Tusche auf dem feuchten Schiefer die Unruhe der Gedanken besänftigt hatte. Das leise Kratzen der Bambusborsten blieb das einzige Geräusch im Raum. In der kargen Schreibstube zeugte jede Zeile von seiner geduldigen Hingabe, als die Welt draußen noch im tiefen Schlaf lag und die feuchte Tinte auf dem Hanfpapier die einzige greifbare Wirklichkeit bildete, da diese frühen Stunden kostbar waren.
Jäh zerschlug das Poltern schwerer Schritte diese Stille, als der Archivar mit finsterer Miene die Schreibstube betrat und mit jedem Tritt die rauen Zypressendielen erzittern ließ, wo das laute Rauschen seines weiten Seidengewandes bereits seine Missstimmung ankündigte. Fest umspannt hielt seine Hand eine fertige Urkunde, als sich seine schmalen Augen zornig zu Schlitzen verengten, als er vor das Pult trat und die Rolle mit einer heftigen Gebärde voller Verachtung auf das glatte Holz warf. Laut knisterte das Papier.
Mit schneidender Stimme warf er Shinji Nachlässigkeit vor und behauptete, dass mehrere Zeichen in der Abschrift der Steuerliste fehlerhaft eingetragen seien, obgleich diese Rüge jeder Grundlage entbehrte. Unbegründet war dieser Vorwurf. Am Vortag hatte Shinji die gesamte Steuerliste stundenlang sorgfältig geprüft, sodass er mit absoluter Gewissheit wusste, dass jedes Zeichen fehlerfrei auf dem Papier stand. Keinen Einwand ließ der Vorgesetzte zu. Mit einem kalten Blick schnitt er dem Schreiber jedes Wort ab, wandte sich ohne eine weitere Geste um und verließ die Stube, wobei das Rauschen seines Seidengewandes noch lange im Gang nachhallte. Drückend hing das Schweigen im Raum.
Heiß stieg ein jäh aufflammender Zorn in Shinjis Brust auf, als seine Schläfen unter dem Druck des rasenden Pulses spürbar pochten. Fest krampfte sich seine Hand um den hölzernen Schaft des Pinsels. Wie ein spitzer Dorn saß die Ungerechtigkeit in seinen Gedanken, sodass das drängende Verlangen nach Gegenwehr ihn gänzlich beherrschte und jeden vernünftigen Entschluss im Keim erstickte. Stumm verweigerte er jedes Wort.
Mit zitternden Fingern goss er Wasser auf den Schiefer des Reibsteins, als er den Tuschestein mit hastigen Kreisbewegungen rieb, bis sich eine tiefe, glänzende Schwärze bildete. Rasch tauchte er die Bambusborsten ein. Mit schnellen, unbarmherzigen Zügen verfasste er eine scharfe Rechtfertigung, die den Irrtum des Archivars aufdecken und dessen Missgunst vor den Aufsehern des Amtes bloßstellen sollte. Jedes Zeichen kündete von seinem Trotz.
Als der Hall der Tritte gerade verstarb, trat der junge Gehilfe mit schleichendem Schritt an das Zypressenpult heran, um mit einer demonstrativ langsamen Gebärde ein neues Verzeichnis abzulegen. Ein spöttisches Zucken umspielte seine Lippen. Unter diesem spöttischen Blick stieg der Hader erneut in Shinjis Brust auf, wodurch sich sein Gesichtsfeld verengte, bis die Umgebung verblasste und nur noch das weiße Papier und die feuchten, glänzenden Zeichen vor ihm existierten. Auf den weißen Bogen schrumpfte seine Welt zusammen.
In dieser drückenden Enge erinnerte sich Shinji an das ruhende Sehen, legte den Pinsel behutsam auf den Schiefer und erhob sich langsam von seinem Holzhocker, um vor die hölzerne Wand der Schreibstube zu treten. Dort verharrte er reglos. Vor seinen Augen lag ein feiner, dunkler Riss im Holz, auf den er seinen Blick richtete, als er die Lider vollkommen ruhig hielt. Sein Auge verharrte im Stillstand.
Als sein Blick unbewegt auf diesem winzigen Spalt verankert blieb, weitete sich seine Wahrnehmung lautlos in alle Richtungen, sodass er, ohne die Lider auch nur einen Wimpernschlag zu bewegen, den hängenden Bambusvorhang zur Linken und den niedrigen Teetisch zur Rechten in sein Blickfeld aufnahm und sich der Raum in lautloser Ausdehnung öffnete.
Gleichzeitig traten die Konturen der rauen Zypressendielen unter seinen Füßen und die schweren Balken an der Decke in sein Bewusstsein, als das Auge ungerührt auf dem Riss in der Wand verweilte und der Geist den Raum in all seinen Winkeln erfasste. Als die Anspannung langsam schwand, verblasste der Hader angesichts der stillen Weite, die ihn wie ein kühler Mantel umgab, obwohl seine Gedanken zuvor noch wie ein aufgescheuchter Schwarm Krähen gekreist hatten. Sanft sanken seine Schultern nach unten. Im Kopf wich das enge Gefühl einer klaren Offenheit, als der Atem frei floss und die Welt in ihrer schlichten Gegenwart vor ihm stand. Vollkommen ruhig schlug sein Herz.
Mit gesenktem Blick kehrte Shinji an das Pult zurück, wo die Zeichen schwarz und deutlich auf dem Hanfpapier standen, als er mit kühlem Verstand seine eigenen Worte las. Scharf klang die Anklage. Obgleich der Text die Ungerechtigkeit wahrheitsgetreu schilderte, erkannte Shinji die bittere Realität der Schreibstube, in der der Wille des Archivars als unumstößliches Gesetz galt. Bestehen blieb die Rüge. Durch keine Gegenrede ließ sich die Meinung des Vorgesetzten ändern, da dieser ihn auch künftig schikanieren und der Gehilfe nach neuen Gelegenheiten zur Arglist suchen würde. So liefen die Dinge hier. Indem er diese Gewissheit annahm, spürte er das Verlangen nach Gegenwehr allmählich schwinden, da seine Lebenskraft zu kostbar war, um sie im nutzlosen Ringen mit unfairen Menschen zu vergeuden. Nur geschwächt hätte ihn dieser Streit. Frei von erlösender Weihe war diese Einsicht, die vielmehr von einer nüchternen Klarheit zeugte und die Welt ohne den Schleier der Hoffnung zeigte. Nackt lag die Wirklichkeit vor ihm.
Mit einem glimmenden Span aus dem Becken entzündete er die kleine Bienenwachskerze, die auf dem Teetisch stand, woraufhin er den Antwortbrief mit ruhigen Fingern ergriff. Keinen Augenblick zögerte er. Ohne Zaudern hielt er das Hanfpapier direkt in die zuckende Flamme, die den Rand des Bogens gierig erfasste und sich rasch über die frisch geschriebenen Zeichen ausbreitete. Gierig fraß das Feuer die Schrift. Shinji betrachtete das Papier. Ohne Bedauern sah er die zuckenden Flammen, da er weder Erleuchtung suchte noch Vergebung, sondern seine Kraft schützen wollte. Einzig seine Ruhe zählte.
Indem er die glimmende Rolle in die flache Tonschüssel legte, sah er schweigend zu, wie das stolze Wort zu grauer Asche zerfiel, als der dünne Rauch aufstieg und durch das offene Fenster ins Freie zog. Herber Brandgeruch erfüllte die Schreibstube. Mit gelassener Geste griff er nach einer frischen Papierrolle aus Hanf, breitete sie auf dem Zypressenpult aus und tauchte den Pinsel erneut in die feuchte Tusche auf dem Schiefer. Vollkommen ruhig blieb seine Hand. Als der Tag langsam voranschritt und das Licht sich auf den Dielen wandelte, arbeitete er gesammelt an der Abschrift der nächsten Urkunde weiter. Friedvoll ruhte das Wort.