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Der Weg zur Mitte
Noboru sitzt reglos am Tisch

18Die Krähen des Zweifels

Kapitel 18 von 20

Noboru, Gelehrter

Zweifel sind Gäste, keine Herren.

Zweifel aushalten

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Übung: Zweifel als Gäste

Bereit, wenn du es bist.

  1. Wenn ein Zweifel kommt, gib ihm einen Namen: Da ist ein Zweifel.
  2. Begrüße ihn wie einen Gast.
  3. Lass ihn sitzen, ohne ihm zu gehorchen.
  4. Atme und lass ihn weiterziehen wie eine Krähe.

Die Geschichte in Bildern

Als sich die tiefe Dunkelheit der Nacht über die grauen Ziegeldächer von Kyoto legte, saß Noboru an seinem niedrigen Tisch aus dunklem Kirschholz. Das schwache Licht einer einzelnen Öllampe warf lange, unruhige Schatten an die bespannten Papierwände. Draußen raschelte das Laub des Bambus.
Auf der hölzernen Tischplatte, auf der sich unvollendete Übersetzungen und abgenutzte Pinsel in staubiger Unordnung stapelten, starrte Noboru reglos auf die schwarzen Schriftzeichen, die im matten Schein der Lampe fast wie die Symbole einer fremden Sprache wirkten. Nagender Zweifel erwachte sogleich in seinem Inneren, sodass sich der Gelehrte mit wachsender Bitterkeit fragte, ob all seine Mühen der vergangenen Jahrzehnte lediglich eine große Täuschung gewesen seien und er seine Lebenszeit im Dienst toter Buchstaben nutzlos verschwendet habe.
Er dachte an die berühmten Männer im kaiserlichen Palast und an die ehrwürdigen Gelehrten in den großen Tempeln der Stadt. Ihre Zeilen glänzten, während seine eigenen vollkommen blass wirkten. Die Angst vor dem eigenen Versagen breitete sich aus. Die nackte Angst vor dem Versagen sickerte wie kühler Zugwind unter der schweren Holztür hindurch und breitete sich unaufhaltsam in jedem Winkel seines Bewusstseins aus. Seine Brust verkrampfte, und der Atem stockte jäh. In früheren Nächten hatte er versucht, diesen Ansturm der Sorge durch kluge logische Schlüsse zu bekämpfen. Er hatte sich im Geiste sogleich alle gelesenen Bände, alle durchwachten Nächte des Studiums und die anerkennenden Worte früherer Lehrer als unerschütterliche Beweise seines Wertes lautlos vorgerechnet. Er wollte die Unruhe augenblicklich lindern und die dunklen Vermutungen durch scharfe Argumente widerlegen. Das gedankliche Ringen brachte ihm jedoch keinen Frieden. Je mehr er gegen die Sorge kämpfte, desto lauter riefen die Zweifel. Der Schmerz wuchs. Er wartete.
Anstatt den Kopf voller Scham in die Hände zu legen, fahrig in seinen Notizen nach beruhigenden Antworten zu suchen oder die aufsteigenden Gedanken gewaltsam zu unterdrücken, ließ er die dunklen Vermutungen einfach als stumme Gäste in seiner Kammer verweilen. Er gestand sich seine Schwäche ein, nannte die Furcht aufrichtig beim Namen und wehrte sich keineswegs gegen ihre Anwesenheit, sodass in diesem Moment eine vollkommene, schmerzhafte Ehrlichkeit in der kleinen Kammer herrschte. Er reparierte nichts, sondern betrachtete den aufsteigenden Kummer wie den kühlen Zugwind der Nacht, den er durch die bespannten Papierwände ohnehin nicht aussperren konnte. Die Stille in der kleinen Stube wurde dichter. Sie legte sich über die Regale mit den Schriftrollen und über die hölzerne Truhe aus Zypressenholz.
In früheren Jahren hatte Noboru diese Pausen stets gefürchtet. Wenn das laute Summen seiner Gedanken nachließ, empfand er das Schweigen als eine Bedrohung. Unverzüglich hatte er in solchen Nächten die Lampe geputzt oder ein neues Räucherstäbchen entzündet, nur um der Stille zu entfliehen. Sie wirkte auf ihn wie eine bodenlose Leere, die ihn zu verschlingen drohte. Er hatte das Schweigen stets mit Geschäftigkeit übertönt. Jetzt aber bewegte er sich nicht. Reglos blieb er sitzen und erlaubte der Stille, den Raum ganz auszufüllen. Mit wachen Sinnen beobachtete er die Reglosigkeit um sich herum. Die Pause zwischen seinen Handlungen wurde zu einem schützenden Raum.
Es war wie bei einem Tuschebild, auf dem die leeren Flächen dem Betrachter erst den Blick auf den gemalten Berg ermöglichten. Das Schweigen war kein totes Nichts. Es war der lebendige Atemraum, in dem sich die Gedanken ordnen durften. Noboru spürte, wie die Aufregung in seiner Brust allmählich schwand.
Der Gelehrte legte seinen feinen Pinsel behutsam auf den kleinen Steinhalter aus Jade. Nach kurzem Zögern blickte er auf seine unfertigen Papiere. Dann ließ er die Schreibarbeit für diese Nacht ruhen. Sein Nacken entspannte sich ein wenig, und er legte die Hände ruhig auf seine Knie.
Noboru trank einen kleinen Schluck warmen Tees aus seiner Tonschale. Während der herbe Geschmack sich auf seiner Zunge ausbreitete, dachte er über die Herkunft der Schale nach. Vor seinem inneren Auge sah er den Töpfer in den Hügeln von Uji. Dieser Mann suchte den Ton und knetete ihn geduldig mit seinen Händen. Dieser Handwerker hatte das Rad gedreht und der Schale ihre Form gegeben, woraufhin das Holzfeuer im Brennofen die feuchte Erde dauerhaft härtete. Noboru dachte auch an die Menschen, die die Blätter im Frühjahr von den Sträuchern gepflückt hatten. Der Regen nährte den Boden. Die Sonne wärmte die Blätter. Jede Schale Tee war das Ergebnis unzähliger Hände und der Kräfte der Natur. In seiner Kammer fühlte sich der Gelehrte plötzlich nicht mehr allein, da er durch diese einfache Schale mit dem Leben vieler fremder Menschen verbunden war. Das peinigende Gefühl der Trennung erwies sich als eine bloße Täuschung. Er war kein einzelnes Blatt, das verloren in der Dunkelheit trieb. Vielmehr stand er im ständigen Austausch mit der Welt, die ihn umgab. Diese Erkenntnis milderte seine Sorge vor dem Scheitern. Bei einer so tiefen Verbundenheit konnte sein kleines Wirken niemals völlig bedeutungslos sein.
Auf der dunklen Tischplatte glänzte ein einzelner Wassertropfen, der beim Einschenken danebengeflossen war. Dieser winzige Tropfen stammte ursprünglich aus den Wolken, floss durch den Kamo-Fluss und fand am Ende seinen Platz im weiten Meer, dessen ganzes Wesen er bereits in sich trug. Noboru begriff, dass er nicht eifrig nach Einzigartigkeit streben musste. Der schwere Druck, sich von anderen abzuheben und seine Bedeutung zu beweisen, fiel sogleich von ihm ab. Er glich dem Tropfen im Ozean. Jegliche Anstrengung war überflüssig, um seinen Platz in der Welt zu rechtfertigen, da er bereits ein Teil des großen Ganzen war. Seine Gelehrsamkeit stellte lediglich einen kleinen Ausdruck dieses riesigen Stroms dar. Diese Einsicht brachte eine tiefe Erleichterung. Er atmete durch.
Dennoch verschwanden die nächtlichen Zweifel nicht sogleich aus seinem Geist. In Wellen kehrten sie zurück und flüsterten ihm zu, dass seine Arbeit unvollkommen sei. Sie erinnerten ihn an unklare Sätze und an vergessene Schriftzeichen. Aber Noboru begann kein neues Gespräch mit ihnen. Er versuchte nicht mehr, sie mit klugen Worten zu widerlegen oder sie zum Schweigen zu bringen. Reglos saß er aufrecht auf seiner Tatami-Matte und richtete seinen Blick nach innen. In seiner Vorstellung glichen die aufdringlichen Gedanken schwarzen Krähen, die am nächtlichen Himmel flogen. Laut krächzend durchquerten sie die Finsternis über dem Dach seiner Kammer. Noboru hörte ihr Rufen, doch er verharrte unbewegt. Er öffnete die Fensterläden nicht und lud sie nicht ein, sich zu ihm auf das dunkle Holz zu setzen. Stumm beobachtete er sie lediglich durch das Auge seines Geistes. Es waren bloß laute Vögel, die den Himmel überquerten und schließlich in der Dunkelheit der Nacht verschwanden.
Er ließ die Vögel lautlos durch die Finsternis ziehen, während er das ruhige Auf und Ab seines Atems spürte und die vollkommene Stille des Raumes ihn wie ein wärmender Schutzmantel sanft umhüllte.