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Der Weg zur Mitte
Ken kniet reglos vor dem Spiegel

13Der Schauspieler und die Masken des Geistes

Kapitel 13 von 20

Ken, Schauspieler

Du bist der Himmel, nicht die Wolke.

Wer bin ich ohne Maske? Gedanken wie Wolken

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Übung: Gedanken wie Wolken

Bereit, wenn du es bist.

  1. Setz dich bequem hin und schließ die Augen.
  2. Stell dir deinen Geist als weiten Himmel vor.
  3. Lass jeden Gedanken wie eine Wolke vorbeiziehen.
  4. Halte keine fest. Du bist der Himmel.

Die Geschichte in Bildern

Leise raschelte der Seidenbrokat bei jedem Schritt, als Ken den dämmrigen Gang beschritt, der ihn von der Bühne wegführte, während das Klatschen der Zuschauer hinter dem Vorhang allmählich verhallte. Er trat stumm in das Spiegelzimmer.
Das Gelb einer einzelnen Öllampe beleuchtete die Wände aus Nadelholz, an denen die Masken von Göttern und Dämonen wie Wächter hingen. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner Tisch aus Kirschholz mit Lackspiegel. Ken kniete nieder.
Seine zitternden Finger griffen nach den seidenen Schnüren hinter seinen Ohren, um die hölzerne Maske einer weinenden Frau ganz behutsam zu lösen. Er legte das bemalte Holz aus Zypresse sorgsam vor sich auf den kleinen Tisch.
Beim Blick in den glatten Spiegel erblickte er ein Gesicht, das ihm völlig fremd erschien. Seine Züge wirkten blass, fast wie ein unbemalter Wandschirm im Halbdunkel. Ohne die vertraute Holzschale auf seiner Haut spürte er eine plötzliche Leere in der Brust. Wer war er außerhalb des Spiels und ohne die Züge einer fremden Gestalt? Die Masken an der Wand zeigten klare Empfindungen, während seine eigenen Augen im matten Spiegelbild seltsam leer blieben. Seine Kunst schien all seine Züge aufgesaugt zu haben.
Ken zweifelte zutiefst. War sein ganzes Leben vielleicht nur eine Kette von für Zuschauer eingeübten Gesten? Jede alltägliche und einfache Bewegung kam ihm wie das bloße Nachahmen einer Rolle vor. Der Mensch verschwand hinter der Geste. Dieses Gefühl des eigenen Verlusts zog all seine Gedanken in ein dichtes Gestrüpp, in dem er vergeblich nach rettenden Antworten unablässig suchte. Seine Erinnerungen bestanden nur aus Schritten aller Tänze und den Versen toter Dichter. Die nackte Angst vor dem großen Nichts wollte ihn völlig überwältigen. Er sammelte im Geiste stumme Gründe gegen diese innere Leere. Dieses Ringen brachte Unruhe.
Ken hielt inne. Er dachte an die Lehre seines Meisters über die Unbeständigkeit aller Dinge. Er vertrieb die aufsteigenden Gedanken nicht. Stumm und vollkommen wertfrei beobachtete er ihr stetes Kommen und schnelles Vergehen. Ein Gedanke an das morgige Spiel stieg auf und verblasste wieder wie Rauch im Wind. Auch die leisen Zweifel an seiner Herkunft zogen lautlos vorüber. Er begriff, dass alle Regungen nur wie Wolken am Himmel waren, während der Himmel selbst stets unberührt blieb.
Der Lackspiegel zeigte die weiße Schminke und das dunkle Holz der Maske, doch er selbst blieb von den Bildern unbefleckt. Genauso war der Geist. Er bot Raum für jede Sorge und jede Leere, ohne sich zu verändern. Masken waren leere Schalen. Sein eigener Geist war der unbewegte Grund, auf dem sich dieses gesamte Spiel aller wechselnden und lauten Rollen und Gesten tagtäglich vollzog. Eine leise Stille breitete sich aus.
Plötzlich klopfte der Bühnenmeister laut an die Schiebetür und rief ihn für den nächsten großen Tanz auf. Ruhe war vorbei. Ferne Flötentöne drangen durch Wände.
Ken musste nun die furchterregende Maske des zornigen Kriegers sehr rasch anlegen. Seine nackten Hände zitterten nun ganz leicht. Die Sorge, vor dem Daimyō und den Gästen zu versagen, ließ sein Herz schneller klopfen. Die Unruhe stieg wie eine Flutwelle auf und drohte seine Gedanken zu überschwemmen.
Ken verharrte mitten in diesem lauten Trubel. Er veränderte seinen Atem nicht. Er legte seine rechte Hand flach auf die Brust. Unter den Rippen spürte er das rasche Klopfen seines Herzens. Es war ein schnelles, wildes Pulsieren. Er erzwang keine Ruhe. Er hielt einfach die Hand auf der Brust und lauschte dem steten Schlagen als eine einfache Gewissheit jenseits aller Rollen. Der innere Widerstreit wich dem reinen Spüren.
Der Ruf des Bühnenmeisters ertönte erneut. Die Leere war keineswegs plötzlich von ihm gewichen, doch er ließ sie als einen weiten Raum in seiner Brust ganz geduldig weiterhin bestehen. Er nahm die Kriegermaske, trat durch die Schiebetür und beschritt mit festen Schritten den Steg zur Bühne, während er im hellen Licht der Fackeln das stete Klopfen in seiner Brust spürte und seine erste Haltung einnahm.