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Der Weg zur Mitte
Chiyo sitzt reglos auf der Veranda

10Die Hofmalerin und das Bildnis der Wahrheit

Kapitel 10 von 20

Chiyo, Hofmalerin

Außen angepasst, innen frei.

Den eigenen Takt bewahren unter Druck

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Übung: 4-7-8-Atmung

Bereit, wenn du es bist.

  1. Atme vier Zählzeiten durch die Nase ein.
  2. Halte den Atem sieben Zählzeiten.
  3. Atme acht Zählzeiten durch den Mund aus.
  4. Wiederhole es höchstens viermal. Dein Takt gehört dir.

Die Geschichte in Bildern

Während draußen die eisige Witterung den fernen Berggipfel in dichtes Nebelgrau hüllte, brannte im windgeschützten Inneren des Ateliers ein kleines Kohlebecken, dessen mattes Glimmen ein stetiges Spiel von Licht und Schatten auf die bespannten Papierwände zeichnete. Auf der glatten Tatami-Matte vor dem niedrigen Kieferntisch sitzend, betrachtete Chiyo die Rolle aus Seide, deren Gewebe stumm auf die Berührung mit der schwarzen Tusche wartete. Ein neues Bildnis verlangte der kaiserliche Zeremonienmeister von ihr. Es sollte den Lauf des Herbstwindes zeigen.
Die Gesetze der Hofkunst duldeten jedoch kein Abweichen vom vorgegebenen Pfad. Vorgeschrieben war jeder einzelne Pinselstrich. In präzisen Paaren mussten sich die feinen Nadeln der Kiefer aneinanderreihen, während für das Zeichnen der fernen Bergketten ausschließlich jene graue Tusche erlaubt war, welche die Ahnen seit Generationen nutzten. Dieses Festhalten an starren Formen ließ ihre Glieder erstarren.
Kaum dachte sie an die Prüfung vor den Augen des kaiserlichen Prüfers, da fühlte sie bereits, wie sich ihr Magen krampfartig zusammenzog. Die Sorge vor dem Verlust ihrer Stellung am Hofe legte sich wie ein schwerer Reif um ihre Stirn. In solchen Stunden neigte Chiyo dazu, sich mit grimmigem Eifer in die Arbeit zu stürzen, um dem nagenden Zweifel durch pausenlose Tätigkeit zu entgehen. Fest umklammerte ihre Hand den Bambusstiel des Pinsels, während sie die Tuschestange auf dem nassen Schiefer rieb. Ihr Atem ging flach. Ein feiner Schweiß trat auf ihre Handteller, und das Herz hämmerte unruhig gegen die Rippen, als fordere der eigene Körper Schutz vor einer unsichtbaren Gefahr. Dennoch versuchte sie nicht, diese innere Unruhe mit Gewalt niederzukämpfen. Sie ließ das Zittern der Finger zu, legte den Pinsel kurz auf den irdenen Halter und lauschte dem steten, beruhigenden Prasseln des Regens auf das Ziegeldach. Wie eine Mutter, die ein weinendes Kind an der Hand führt, gestattete sie der Furcht, für eine Weile an ihrer Seite zu weilen.
Trat eine schwierige Wendung im Gefüge des Bildes auf, suchte sie oft Rat bei fremden Mustern. Sie blätterte in vergilbten Skizzenrollen, die im Wandschrank lagerten, befragte die älteren Meister der Gilde und geriet durch das Vergleichen der verschiedenen Urteile nur noch tiefer in das Labyrinth fremder Ansichten. So überhörte sie jene leise, stumme Stimme im eigenen Inneren, die wie ein schwerer Anker tief im Flussbett ruhte.
Dabei besaß jeder Mensch eine unerschütterliche Quelle der Gewissheit. Dieser Teil des Geistes war frei von Eitelkeit oder der Gier nach raschem Beifall. Er glich einem alten Tempelbaum, der zahllose Winter überstanden hatte und den Wandel der Jahreszeiten mit stiller Gelassenheit betrachtete. Um diese Quelle wieder freizulegen, schloss Chiyo für einige Wimpernschläge die Augen. Sie saß aufrecht vor dem niedrigen Arbeitstisch. Im Dunkeln vor ihrem inneren Auge rief sie sich das Bildnis jener alten Meisterin wach, deren schlichte Holzhütte weit abseits der kaiserlichen Paläste im dichten Bergwald lag. Aus diesem Bild sprach eine wortlose Sicherheit, die keine Bestätigung durch beamtete Prüfer verlangte.
Mit dieser neugewonnenen Ruhe reinigte sie den steinernen Reibstein, ordnete die Pinsel aus feinen Tierhaaren und führte den ersten Strich über die weiße Seide. Die Arbeit begann.
Doch auf diesem Weg lauerte eine andere, leisere Gefahr. Es war der Drang, das eigene Können unaufhörlich zu vervollkommnen. Brannte das Öllicht in ihrer Kammer bis tief in die Nacht, saß sie verbissen über den Übungsbögen, um den Bogen eines Kiefernzweiges fehlerfrei nachzuahmen. Sie studierte Abhandlungen über das Mischen von Mineralfarben. Sie füllte jeden Augenblick mit nützlichem Tun. Selbst das Gehen durch den stillen Moosgarten wurde zu einer Aufgabe, die sie nur vollzog, um die Formen der Natur für ihre Kunst zu erlernen. Dieses ständige Planen und Verbessern glich einer Reise ohne Ziel und Rast. Es hielt sie gefangen im Kreislauf eines rastlosen Wollens, das stets neue Mängel erfand. Die wahre Kunst verlangte jedoch das Verweilen im reinen Dasein, in welchem die Dinge bereits in ihrer Unvollkommenheit genügen. Geduld erlaubte es ihr, das ständige Ringen um Vervollkommnung ruhen zu lassen.
Am Nachmittag ruhte sich Chiyo auf der hölzernen Veranda aus. Kein Entwurf beschäftigte ihren Geist. Sie saß auf den kühlen Zedernplanken, blickte den ziehenden Wolken hinterher und lauschte dem fernen Rauschen des Bambushains. Regte sich in ihr der Drang, nach der Kohlezeichnung zu greifen, ließ sie diese Regung mit dem Wind davontragen. Sie spürte die nackte Gegenwart des Augenblicks. Sich dem Joch des Nutzens zu entziehen, brachte ihrem Geist die tiefste Erholung. Dennoch drang der Lärm des Hofalltags durch die dünnen Papierwände ihrer Werkstatt. Die Pflichten zehrten an ihren Kräften. Gedrängt von den Erwartungen der Hofbeamten und den prüfenden Blicken der anderen Meister verlor sie oft den Halt in der eigenen Mitte. Sie fühlte sich in ihrem eigenen Raum wie eine Fremde, die nur noch auf fremde Befehle reagierte. Ein Zufluchtsort war in den geschäftigen Korridoren des Palastes nirgends zu finden.
Wurde das Treiben im Außen jedoch zu laut, lag die Rettung nicht in der Flucht in ferne Täler, sondern im Erschaffen einer Zuflucht im eigenen Inneren. Der Geist unterscheidet in seiner Bedrängnis kaum zwischen den echten Zedernwäldern und dem Bild der Berge, das man in sich trägt. Indem sie diesen unberührten Raum in ihren Gedanken gestaltete, schenkte sie sich eine Atempause. Diese Zuflucht war keine Feigheit. Sie war eine Quelle der Kraft, die ihr half, dem Lärm der Welt mit Gleichmut zu begegnen. Sie stand ihr in jedem Moment offen.
In der Stille ihrer Werkstatt begann Chiyo, ihren Atem bewusst zu führen, wie es ihr einst ein Priester im Bergtempel gezeigt hatte. Sie zog die kühle Luft ruhig durch die Nase ein und zählte im Geiste bis vier. Danach hielt sie den Atem an, verweilte in dieser absoluten Stille und zählte langsam bis sieben, während sie die Festigkeit in ihrer Brust spürte. Dann entließ sie den warmen Hauch dünn und langsam wie einen Faden aus Rohseide durch die Lippen, während sie im Geiste bis acht zählte. Sie wiederholte dieses feste Maß. Mit jedem Halten legte sich die Aufregung in ihrer Brust. Mit jedem Ausströmen floss die Anspannung aus ihren Schultern. Sie spürte, wie das innere Gleichgewicht zurückkehrte.
Am nächsten Morgen betrat der kaiserliche Prüfer ihre Werkstatt. Seine Augen blickten wachsam, und seine Züge blieben streng. Wortlos betrachtete er das fertige Bild der Kiefer, strich sich über den grauen Bart und deutete schließlich mit dem Zeigefinger auf einen Zweig, dessen Nadeln nicht vollkommen symmetrisch angeordnet waren. Chiyo neigte ihr Haupt tief vor ihm und nahm die Rüge ohne Widerrede an. Sie versprach, die Kiefer nach seinen Wünschen umzugestalten. Der Wille des Prüfers war Gesetz, und die strengen Regeln der Gilde blieben bestehen. Doch als sie die Pinselspitze erneut mit Tusche tränkte, kehrte sie im Geiste zu dem gelernten Rhythmus zurück. Vier Herzschläge lang zog sie die kühle Luft ein, hielt sie sieben Schläge lang in ihrer Brust und entließ den Hauch danach acht Schläge lang durch die leicht geöffneten Lippen. Äußerlich fügte sie sich den starren Linien des kaiserlichen Hofes, doch im Inneren bewahrte sie unbeirrt ihren eigenen Takt. Sie malte die geforderten Nadeln, doch jede Bewegung entsprang ihrer eigenen, ruhigen Kraft. Sie passte sich an, ohne sich selbst zu verlieren.
Jeden Morgen, noch ehe die ersten Schritte auf den Korridoren des Palastes ertönten, bereitete sie sich eine einfache Schale Tee zu und trank den dampfenden Aufguss in tiefer Stille, wobei sie bei jedem warmen Schluck den festen Vorsatz spürte, sich selbst mit Geduld zu begegnen, eine schlichte Gewohnheit, die sie als gute Gastgeberin im eigenen Geiste verankerte, sodass sie überall auf der Welt eine Heimat fand.