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Der Weg zur Mitte
Sora steht reglos an der Zypresse

9Die Nonne und der Berg

Kapitel 9 von 20

Sora, Nonne

Jeder Schritt trägt dich nach Hause.

Achtsames Gehen, fremde Lasten ablegen

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Übung: Achtsames Gehen

Bereit, wenn du es bist.

  1. Geh ein paar Schritte langsamer als sonst.
  2. Spür, wie die Ferse aufsetzt und der Fuß abrollt.
  3. Atme mit deinen Schritten.
  4. Stell dir vor, mit jedem Schritt legst du eine fremde Last ab.

Die Geschichte in Bildern

Sora ging schweigend den steilen Berghang hinauf. Der eisige Herbstregen peitschte ihr ins Gesicht und durchnässte das dunkle Nonnengewand, während der Wind heftig an den weiten Ärmeln riss. Jeder Schritt auf dem schlammigen Lehmboden verlangte ihre volle Aufmerksamkeit. Unter ihren Füßen drohte der nasse Untergrund bei jedem Tritt nachzugeben.
In ihren Gedanken kreisten noch immer die unruhigen Gespräche des gestrigen Tages im Tal, als die Dorfbewohner sie mit ihren Klagen bedrängt hatten. Sie schleppte diese Sorgen wie unsichtbaren Ballast mit sich den Berg hinauf. Ihr Geist wanderte zurück in die engen Stuben der leidenden Menschen, sodass ihr der Aufstieg wie eine endlose Kette von Pflichten erschien. Die fremden Stimmen hallten in ihr nach, lauter als das Rauschen des Windes in den Wipfeln der alten Kiefern.
Sie sehnte sich nach dem schützenden Tor des Klosters auf dem Gipfel, wo sie Ruhe zu finden hoffte, doch der Weg dorthin war noch weit und beschwerlich.
Als sie die verwitterte Holzschwelle überschritt, die den Beginn des heiligen Bergbereichs markierte, zwang die Erschöpfung sie zum Verharren. Sie lehnte sich an den feuchten Stamm einer Zypresse, blickte auf das dichte Nebelmeer hinab, welches das Tal unter ihr verschluckte, und spürte, dass ihr Geist noch immer im Trubel der vergangenen Stunden verfangen war. Der feuchte Wald roch nach getrockneten Nadeln und modrigem Laub, während das stete Tropfen von den Ästen das einzige Geräusch bildete.
Die Kälte kroch durch den nassen Stoff auf ihre Haut, doch ihr Denken wehrte sich gegen dieses körperliche Empfinden. Je mehr sie sich nach dem fernen Ziel sehnte, desto schwerer fühlten sich ihre Glieder an. Die Sorge vor der eigenen Schwäche legte sich wie ein dichter Schleier vor ihren Blick.
In dieser Mühsal erinnerte sich Sora an das Gleichnis ihres Meisters, der oft von einem stillen Beobachter auf dem Gipfel des Berges gesprochen hatte. Die Nebelfelder des Zweifels mochten im Tal toben, doch der Beobachter auf dem festen Fels blieb im Inneren unberührt. Sora begriff, dass sie nicht das unruhige Rauschen der Blätter war, sondern der stille Waldboden, der das Wachsen und Vergehen geduldig trug. Der Boden nahm alle Blätter auf, die welken und fielen, ohne zu werten, und nährte im Verborgenen das neue Leben unter dem Schnee.
Sie versuchte nicht, die düsteren Gedanken mit Gewalt zu vertreiben, da jeder Widerstand die innere Anspannung nur vergrößerte. Ihr Inneres glich dem tiefen Bergwald, in dem die Winde nur die Wipfel bewegten, während die Tiefe in vollkommener Stille verharrte. Sie ließ die Sorgen wie Vögel durch die Zweige ihres Geistes ziehen, die zwar krächzten und flatterten, aber nicht dauerhaft in den Kronen nisteten.
Der Pfad wurde steiler, und der Regen nahm zu. Um der Anstrengung zu entgehen, ertappte Sora sich dabei, wie sie im Geist die verbleibenden Wegstunden zählte oder an den feuchten Schnüren ihres Beutels nestelte. Ihre Finger waren steif. Dieses Fliehen vor dem beschwerlichen Weg ließ den nassen Pfad nur noch länger erscheinen.
Sora verlangsamte ihren Schritt. Sie lenkte das Spüren ganz in ihre Fußsohlen. Bei jeder Bewegung nahm sie den Übergang des Körpergewichts von einer Ferse zur anderen wahr. Sie spürte das sachte Abrollen über die Ballen und das anschließende feste Auftreten auf dem gefrorenen Lehm. Jeder feste Tritt verband sie enger mit dem nackten Stein unter ihren Zehen. Sie hob den Fuß nur eine Handbreit über den Schlamm, setzte ihn behutsam auf und wartete, bis die Last ihres Körpers ganz auf dem vorderen Bein ruhte.
Das ständige Kreisen um den fernen Berggipfel schwand aus ihrem Gemüt. Unter ihren Sohlen wechselte der Untergrund von weichem Lehm zu kantigen Kieseln, die eisig und hart in ihre Haut drückten. Jeder Kieselstein besaß seine eigene Form, und das Spüren dieser harten Kanten nahm ihr Denken völlig ein.
Als sie schließlich das hölzerne Klostertor auf dem Gipfel erreichte, wütete der Regen unerbittlich weiter, und der Frost saß tief in ihren Gliedern. Ihre Kleider waren völlig durchnässt, und der Weg hatte sich nicht durch ein Wunder verkürzt, doch Sora suchte nicht mehr nach einem schnellen Ende des Unbehagens. Sie nahm den nassen Pfad und den eisigen Wind als die Wirklichkeit dieses Augenblicks an. Sie verharrte an der geschlossenen Pforte, spürte die Kühle auf ihren Wangen und nahm jeden schweren Schritt als das einzig existierende Fundament ihres Lebens an.