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Der Weg zur Mitte
Mai sitzt reglos auf der Matte

3Die Töpferin und der Raum der Leere

Kapitel 3 von 20

Mai, Töpferin

Aus dem Riss beginnt das neue Werk.

Leere nach dem Erfolg, Zorn über den Körper lösen

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Übung: Zunge lösen, Atem frei

Bereit, wenn du es bist.

  1. Spür nach, ob dein Kiefer fest ist.
  2. Lass die Zunge vom Gaumen sinken und öffne die Zähne einen Spalt.
  3. Atme durch die Nase ein und lang durch den Mund aus.
  4. Merk, wie mit dem Kiefer auch der Ärger weicher wird.

Die Geschichte in Bildern

In der Werkstatt herrschte Stille. Der Rauch des großen Töpferofens hatte sich am späten Nachmittag endlich verzogen, nachdem die grauen Schwaden durch die offenen Luken im Dachhimmel entwichen waren und das Holzgebälk den Blick auf das dämmernde Himmelsblau freigegeben hatte. Zwischen den Balken, in deren Rissen sich der Geruch von verbranntem Kiefernholz und feuchter Erde über Wochen festgesetzt hatte, stand Mai reglos vor dem Tisch, auf dem sich die Früchte ihrer Arbeit ausbreiteten.
Vor ihr duftete das frisch geschlagene Zedernholz einer geöffneten Kiste. Während die hölzerne Truhe einen herben, waldigen Geruch verströmte, stapelten sich daneben die Schnüre mit den Kupfermünzen, deren quadratische Öffnungen auf rauen Bast gefädelt waren und bei jeder Bewegung metallisch aneinanderstießen. Das Metall glänzte matt im Dämmerlicht.
Jeder flache Teller und jede Teeschale, die sie in den vergangenen Monden mit nassen Händen an der Drehscheibe geformt hatte, war auf dem Markt des nahen Nachbardorfes verkauft worden, weil die Händler die Gleichmäßigkeit ihrer Ascheglasuren rühmten. Der Lohn war reichlich. Obwohl die Kiste aus Zedernholz nun bis zum Rand gefüllt war und die harte Arbeit der vergangenen Wochen sich ausgezahlt hatte, stellte sich bei Mai keine Zufriedenheit ein. In ihrer Brust nistete ein dumpfes Fehlen.
Als sie den Blick abwandte, um die staubigen Holzregale zu betrachten, sah sie auf den kahlen Stellagen, wo sonst die grauen Rohlinge gestanden hatten, nur noch den feinen Ofenruß, der sich wie ein Schleier auf das Holz gelegt hatte. Die Bretter blieben leer.
Die Kupfermünzen verloren in ihren Augen an Glanz, je länger sie das dunkle Metall anstarrte, als hätte das vollendete Werk auch den Funken aus ihrem eigenen Geist gesaugt. Sie ließ sich auf die geflochtene Strohmatte sinken. Dort betrachtete sie ihre Hände, an deren Nägeln noch die grauen Spuren getrockneten Tons hafteten, während die Finger schlaff im Schoß ruhten und sich fremd anfühlten.
Draußen rauschte der Wind im Geäst. Während die Böen durch die Wipfel der hohen Kiefern fegten, dachte sie an die zahllosen Stunden zurück, in denen sie mit gekrümmtem Rücken an der rotierenden Drehscheibe verharrt war. Jeder Handgriff hatte Kraft gefordert.
Sie dachte an den eisigen Zug des Brunnenwassers, das sie in schweren Eimern herbeigeschleppt hatte, und an den feuchten Ton, den sie geduldig durchgesiebt hatte, um auch den kleinsten Kiesel aus der Masse zu lesen. Erst danach durfte das Feuer brennen. Nun, da der Ofen erkaltet und der Lohn gezählt war, wich die Anspannung nicht der erhofften Zufriedenheit, sondern machte einer dumpfen Taubheit Platz. Das Werkzeug hing ungenutzt an der Wand, wo sowohl der geschnitzte Bambusspatel als auch der feine Draht zum Abschneiden des Tons an ihren Holznägeln hingen, weil kein Rohstoff mehr auf der Werkbank lag. Die Werkstatt atmete Kälte.
In dieses Schweigen hinein schob sich die papierne Schiebetür mit einem leisen Schleifen zur Seite, woraufhin ihr junger Gehilfe die Schwelle übertrat, ohne den Blick zu ihr zu heben. Er trug ein Bündel. Als er das dunkle Hanftuch vorsichtig auf dem Tisch abgelegt und den rauen Stoff mit einer langsamen Geste zurückgeschlagen hatte, kam die große Teeschale zum Vorschein, an der sie so viele Tage gearbeitet hatte.
Ein tiefer Riss durchschnitt das gewölbte Innere der Schale. Die Kanten des Tons waren zersprungen, da die unbarmherzige Hitze des Ofens die feuchte Erde mit Gewalt ausgedörrt und zerrissen hatte, denn das Feuer hatte sein Urteil gefällt.
Als der Gehilfe mit gesenktem Haupt einen Schritt zurückwich, spürte Mai, wie eine Welle glühender Hitze in ihrer Brust aufstieg. Der Zorn kam schnell. Die Enttäuschung über das Misslingen schnürte ihr die Kehle zu, da das Werk vieler Tage in einer einzigen Nacht zerstört worden war. Ihr Puls hämmerte. Ihr Gesicht glühte, als sie im Geiste bereits die Scherben vom Tisch fegte, sie mit Wucht auf den Boden warf und ihre Kiefermuskeln sich verhärteten. Als ihre Fingernägel sich tief in die Handflächen gruben, suchte das aufgestaute Gift der Enttäuschung nach einem Ventil. Die Hände ballten sich zu Fäusten.
Doch mitten in diesem Aufbegehren hielt sie inne, senkte die Lider und lauschte auf das heftige Schlagen ihres Blutes im Nacken. Sie hielt die Bewegung an. Ohne den Atem künstlich zu vertiefen, löste sie die Zunge vom Gaumen, sodass diese weich in den Mundraum sank, wodurch gleichzeitig die Starre aus ihrem Unterkiefer wich. Die Lippen trennten sich um einen Hauch. Durch diesen winzigen Spalt strömte die kühle Raumluft frei ein und aus, ohne dass sie das Auf und Ab der Brust kontrollierte oder die Atemzüge zählte. Ruhe kehrte in ihren Körper zurück. Mit jedem Atemzug, der lautlos an ihren Zähnen vorbeistrich, spürte sie, wie der harte Krampf aus ihren Gesichtszügen schwand, obgleich die Hitze auf ihren Wangen noch eine Weile nachglomm. Die Zerstörungswut verlor ihre Macht.
Als sie die Lider hob, sah sie die zerbrochene Teeschale an, ohne den Blick abzuwenden, da sie den Riss nun als stummes Zeugnis des Feuers begriff. Sie sprach kein Wort. Mai trat an den großen Trog aus Zypressenholz, hob einen frischen Klumpen kühlen Tons heraus und begann, die feuchte Erde mit steten, kräftigen Bewegungen neu zu kneten. Die Arbeit begann von vorn.