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Der Weg zur Mitte
Masao kniet reglos am Schreibtisch

19Der Beamte und der Stein

Kapitel 19 von 20

Masao, Hofbeamter

Die Form liegt schon im Stein.

Das wahre Wesen freilegen, Mut zur Veränderung

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Übung: 3-2-1-Übung

Bereit, wenn du es bist.

  1. Nenne drei Dinge, die du siehst.
  2. Nenne zwei Dinge, die du hörst.
  3. Nenne ein Ding, das du fühlst.
  4. Atme aus. Du bist hier.

Die Geschichte in Bildern

Über den weitläufigen Gärten des kaiserlichen Hofes lag das helle Licht eines Frühlingsmorgens. Die Kirschbäume trugen eine schwere Pracht aus zarten Blüten. Ein sanfter Wind trug den Duft von Kiefernnadeln durch die weit geöffneten Tore der großen Halle.
An diesem Vormittag stieg Masao in den Rang eines ersten Hofbeamten auf. Der kaiserliche Kanzler überreichte ihm die offizielle Ernennungsurkunde mit einer langsamen, feierlichen Gebärde. Um ihn herum verneigten sich die Amtskollegen ehrerbietig. Glückwünsche raunten sie ihm im dichten Gedränge zu, während die Priester ihre getragenen Gesänge anstimmten.
Masao aber spürte keine Freude. Eine seltsame Kälte breitete sich in seiner Brust aus. Die bunten Seidenkleider der Gäste wirkten wie leblose Hüllen, und jedes höfliche Lächeln der Höflinge verstärkte nur sein Empfinden einer tiefen Sinnlosigkeit. Mit beträchtlichem Gewicht lag die kaiserliche Auszeichnung in seinen Händen. Wie einen eisernen Reif empfand er diese Ehre. Sein Geist verblieb fremd an diesem glanzvollen Ort.
Seit vielen Jahren bereits folgte Masao einem vorgezeichneten Weg. Lange vor seiner Geburt hatten andere Menschen diesen Pfad bestimmt, und die strengen Erwartungen seiner Ahnen lenkten jeden seiner Schritte. Die ungeschriebenen Gesetze des Zeremoniells lasteten schwer auf ihm. Jede Pflicht erfüllte er mit peinlicher Genauigkeit, beugte sich vor den Höhergestellten und zeigte stets eine Haltung vollendeter Gelassenheit. Hinter dieser Maske jedoch breitete sich eine lähmende Leere in seinem Dasein aus. Wie ein Schauspieler auf einer prunkvollen Bühne fühlte er sich, während er sich mechanisch durch die verzierten Gänge des Palastes bewegte, seine eigene kostbare Lebenszeit ungenutzt an sich vorüberziehen sah und die ständigen Höflichkeiten des Hoflebens stetig an seiner verbliebenen Kraft zehrten.
Am frühen Nachmittag entfloh Masao den lauten Festsälen. Er trat in seine private Amtskammer am Rande des Palastbezirks und schob die hölzerne Tür hinter sich zu. Der vertraute Geruch von getrocknetem Binsenstroh erfüllte die kühle Luft. Auf dem flachen Schreibtisch aus dunklem Hinoki-Holz warteten unbeschriebene Papierrollen. Masaos Blick verfing sich in der glatten, weißen Oberfläche des Materials. Dieses unbeschriebene Papier erinnerte ihn an sein eigenes Dasein. Keine kaiserlichen Befehle, keine amtlichen Berichte bedeckten die feine Faser. In dieser leeren Fläche sah er eine Freiheit, die er fast vergessen hatte. Dennoch brachte ihm diese Einsicht keinen Trost. Die unendlichen Möglichkeiten einer freien Zukunft weckten eine tiefe Sorge in seiner Brust, und er schauderte vor der Last der eigenen Verantwortung. Schweigend lag das weiße Papier auf der Tischplatte.
In dieser Stunde der Verunsicherung kehrte eine Erinnerung an seine Wanderjahre zurück. Damals hatte er in Kyoto einen weisen Bildhauer besucht, der in seiner staubigen Werkstatt an einem rohen Felsblock arbeitete. Präzise führte der alte Meister das Eisen, schlug grobe Splitter vom grauen Stein ab und sprach davon, dass die vollendete Form bereits im Inneren des Blocks wohne. Seine Aufgabe bestehe lediglich darin, die überflüssigen Schichten mit Geduld abzutragen. Die Erinnerung an diese Worte durchdrang Masao nun mit großer Klarheit. Er begriff die Wahrheit dieser Arbeit für sein eigenes Dasein. Seit Jahren trug er die schweren Masken der Höflichkeit, die er nun Schicht für Schicht entfernen musste, um sein eigentliches Wesen freizulegen.
Die Umsetzung dieser Einsicht jedoch erwies sich im Palastalltag als äußerst schwierig. Masao verlor sich täglich in den zahllosen Verpflichtungen seines Amtes. Rastlos versuchte er, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Während er den langwierigen Berichten seiner Untergebenen lauschte, las er bereits die neuesten Bittschriften und entwarf neue Dekrete auf dem feinen Papier, während er im Geiste schon die Sitzordnung für das abendliche Festmahl ordnete. Diese Zerstückelung der Aufmerksamkeit raubte ihm jede Kraft. Keine Handlung geschah mit ganzer Hinwendung, wodurch jede Aufgabe unvollständig und leer blieb. Am Abend fühlte er sich stets erschöpft und ausgebrannt. Die ständige Betriebsamkeit ließ keinen inneren Frieden zu.
An diesem späten Nachmittag lastete die Würde unerträglich auf seinen Schultern. Masao saß reglos an seinem niedrigen Tisch in der halbdunklen Amtskammer. Das schwache Licht der sinkenden Sonne drang durch die papiernen Schiebewände des Zimmers, während ein Gefühl innerer Kälte erneut in seiner Brust erwachte. Jedes verfasste Dekret erschien ihm wie eine Kette um seinen Nacken, und die Luft im Raum fühlte sich stickig an. In dieser tiefen Not legte Masao den Pinsel beiseite.
Er richtete den Oberkörper auf und kniete aufrecht auf der geflochtenen Binsenmatte. Um den Kreislauf der unruhigen Gedanken zu unterbrechen, wandte er sich dem unmittelbaren Raum zu. Er betrachtete drei sichtbare Dinge in seiner Kammer: Zuerst folgte sein Blick einer feinen, geschwungenen Linie im hellen Hinoki-Holz der Wand. Dann ruhten seine Augen auf einem dunklen Astknoten in der tragenden Säule. Schließlich bemerkte er einen feinen Kratzer auf der glatten Tischplatte.
Danach schloss er die Lider und lauschte auf zwei Geräusche der Natur: Aus den fernen Flussauen drang das raue Rufen eines Reihers zu ihm, und unter dem breiten Vordach der Halle zwitscherte leise ein Sperling. Zuletzt spürte er eine körperliche Empfindung: den festen, stützenden Druck des seidenen Gürtels um seine Hüften. Die innere Kälte wich dadurch keineswegs sofort von ihm, doch die Zuwendung zu den Dingen der Gegenwart schenkte ihm eine ruhige Klarheit. Masao begriff die Wirklichkeit seiner Gefühle. Er wusste nun, dass keine Beförderung und keine Ehrung seine innere Leere füllen konnten.
Er entrollte das weiße Papier auf dem Tisch, setzte den Pinsel an und verfasste mit ruhiger, fester Hand sein Entlassungsgesuch.
Noch am selben Abend verließ er den Palast, kehrte der Enge des Hofes den Rücken und ging dem stillen Pfad in die Berge entgegen.