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Der Weg zur Mitte
Eishun sitzt reglos in Meditation

11Der Mönch und die Umarmung der Wut

Kapitel 11 von 20

Eishun, Mönch

Auch die Wut darf bei dir sitzen.

Wut annehmen und beobachten

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Übung: Wut im Körper beobachten

Bereit, wenn du es bist.

  1. Wenn Wut kommt, frag dich: Wo spüre ich sie im Körper?
  2. Beobachte sie wie ein Feuer, ohne hineinzuspringen.
  3. Atme ruhig in diese Stelle.
  4. Sag dir: Auch du darfst hier sitzen.

Die Geschichte in Bildern

Dröhnend hallte der schwere Schlag des bronzenen Gongs durch die Halle des Tempels, woraufhin Eishun die Stirn auf die kalten Dielen des Bodens senkte, um die Meditation zu beginnen. Kühle Luft stand unbewegt zwischen den Holzsäulen. Um ihn herum verharrten die Mönche wie reglose Steinfiguren im Halbdunkel.
Doch in dieser Stille regte sich jäh ein inneres Feuer, das die Kälte des Raumes vertrieb, als die Erinnerung an den gestrigen Tag mit wilder Gewalt in sein Bewusstsein brach. Deutlich sah er das hochmütige Gesicht des älteren Tempelwächters vor sich. Dieser hatte ihn vor den versammelten Gehilfen lautstark einer Nachlässigkeit bezichtigt, obgleich die Rüge jeder Grundlage entbehrte. Die Anschuldigung war ungerecht gewesen.
Beim bloßen Gedanken an diese Schmach spürte er, wie das Blut pulsierend in seine Schläfen schoss. Hitze stieg in seine Wangen. Sein Atem beschleunigte sich, wurde flacher und ging in kurzen Stößen, während sich die Muskeln in seinen Schultern schmerzhaft anspannten.
Aus Scham über diese aufwallende Schwäche versuchte Eishun, die Wut mit aller Macht hinunterzudrücken. Ein Diener des Tempels sollte stets heiter und gelassen sein. Krampfhaft presste er die Zähne aufeinander, zwang seinen Körper in eine unbewegliche Haltung und atmete tief gegen den Widerstand in seiner Kehle an.
Doch je heftiger er das Gefühl niederzukämpfen suchte, desto wilder tobte es im eigenen Inneren. Der aufgestaute Zorn wuchs. Unaufhörlich kreisten seine Gedanken um die ungerechten Worte des Wächters, sodass dieses ständige Hader-Gefühl ihm die letzte Kraft entzog. Im Geiste formulierte er scharfe Erwiderungen, die den Angreifer demütigen sollten, wodurch sich die innere Zerrissenheit nur noch vergrößerte. Dieses Ringen erschöpfte ihn.
Sein Verstand glich einer Herberge, deren Räume von ungebetenen Gästen besetzt waren. Je lauter er nach Ruhe verlangte, desto dreister machten sich die Eindringlinge im Hause breit. Manchmal forderte Eishun eine unnatürliche Perfektion von sich. Er glaubte, sein Geist müsse wie die glatte Oberfläche eines tiefen Gebirgssees ruhen, auf der sich kein Kräuseln zeigte. Blieb dieser Zustand aus, verurteilte er sich selbst mit bitterer Strenge. Der wahre Frieden lag jedoch nicht im Auslöschen der Regungen. Es ging nicht darum, die Wut gewaltsam auszumerzen, sondern einen weiten Raum im eigenen Inneren zu schaffen, in welchem das Gefühl dasein durfte, ohne die Seele zu verwüsten.
Eishun lenkte seine Wahrnehmung weg von den kreisenden Gedanken und richtete sie direkt auf den eigenen Körper. Er suchte den physischen Ort des Zorns. Dieser saß tief im Bauchraum. Wie ein brennender Knoten lag das Gefühl direkt unter seinen Rippen, wo es die Muskeln verkrampfte und den Atem einschnürte.
Er beschloss, den Kampf gegen diesen Aufruhr einzustellen und die Hitze einfach zu beobachten. Mit geschlossenen Lidern lenkte er seine Aufmerksamkeit ganz in den brennenden Magenknoten. Er versuchte nicht, den Schmerz zu lindern oder den Druck wegzuschieben. Er beobachtete das Brennen im Bauch wertfrei, so wie ein aufmerksamer Wächter ein wildes Raubtier im Gehege betrachtet, ohne die Hand nach ihm auszustrecken oder es zu reizen.
Der Zorn verflog nicht sogleich. Das Brennen im Magen blieb spürbar. Doch indem Eishun das Aufbegehren gegen das Gefühl aufgab, verlor die Wut ihre zerstörerische Gewalt. Er gab dem brennenden Knoten seinen Raum, hielt den Druck geduldig aus und spürte, wie die kühle Stille der Halle allmählich auch sein Inneres erfüllte, während der letzte schwere Gongschlag leise in den Winkeln der Halle verhallte.