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Der Weg zur Mitte
Ryu sitzt reglos auf der Matte

1Der Taifun und der Weg des geringsten Widerstands

Kapitel 1 von 20

Ryu, Seidenhändler

Annehmen ist kein Aufgeben.

Annehmen, was sich nicht ändern lässt

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Übung: Füße spüren

Bereit, wenn du es bist.

  1. Setz oder stell dich hin und spüre, wo deine Füße den Boden berühren.
  2. Atme ruhig ein und aus. Lass den Boden dich tragen.
  3. Sag dir still: Es ist, wie es ist.
  4. Bleib drei Atemzüge lang nur bei deinen Füßen.

Die Geschichte in Bildern

Um die drückende Schuldenlast seines Vaters endlich abzustreifen, wollte Ryu diese Reise voller Zuversicht antreten, da die Ballen der kostbaren Rohseide noch vor dem großen Herbstmarkt die Hauptstadt erreichen mussten, doch der Himmel duldete keine Eile. Noch ehe die Dämmerung den östlichen Waldrand aus der Finsternis schälte, zitterte das Fundament der Herberge unter einem dumpfen Grollen, das tief aus den Bergen drang, als der Wind den Geruch von nassem Laub herantrug.
Regen prasselte unbarmherzig gegen die verwitterten Zedernläden, deren Holz unter dem Druck des Sturms ächzte, feine Gischt durch die Ritzen in die Kammer trieb und Ryus Brust zusammenschnürte. Der Wirt trat an ihn heran, die gierige Hand weit geöffnet, und verlangte zusätzliche Kupfermünzen für die sichere Verwahrung der Ballen im Keller, sodass in Ryus Kehle ein bitterer Geschmack aufstieg.
Als er die Kälte des feuchten Holzes unter den Fußsohlen spürte, quälte ihn der stumme Vorwurf, ein bohrender Schmerz im Nacken, den Karren nicht schon am trockenen Vorabend angespannt zu haben, als die Luft noch lau gewesen war und kein Wölkchen den Mond verdeckt hatte, da er stets nach Perfektion verlangte. Dem Trugbild einer reibungslosen Reise jagte er hinterher, sodass jede Verzögerung an seinem Stolz nagte, was sich nun als bitterer Irrtum erwies.
Ein Händler glaubte oft, er könne den Strom des Schicksals lenken wie ein Schiffer seinen Kahn, doch die Wasser des Lebens flossen nach eigenen Gesetzen und beugten sich keinem Willen, da wahre Kraft den Sturm nicht bezwang. Vielmehr ging es darum, die eigene Haltung zu wandeln, sich dem Wirbelwind nicht entgegenzustellen, sondern im Auge des Sturms stillzuhalten, und ohne den Wirt anzublicken, atmete er den Geruch von feuchtem Stroh und altem Holz ein, spürte das raue Astloch unter seinem linken Zeh und erlaubte diesem Augenblick, in all seiner Unvollkommenheit da zu sein. Sein Atem floss ruhiger.
Anstatt in blindem Zorn aufzubegehren oder sich der Verzweiflung hinzugeben, griff er in seinen Ärmel, reichte dem Wirt die geforderten Kupfermünzen und spürte, wie das Getriebensein sogleich wich.
Kaum hatten die Kupfermünzen den Besitzer gewechselt, da flog die schwere Eingangstür auf und ein durchnässter Bote trat mit düsterer Kunde über die Schwelle, wo das Wasser von seinem Strohmantel in Rinnsalen auf die grauen Kiesel des Eingangsbereichs troff. Seine Stimme klang heiser, als er berichtete, dass die Brücke über den reißenden Fluss eingestürzt und der Weg somit gänzlich versperrt war.
Diese Nachricht erschütterte Ryu zutiefst, da sein sorgsam geplanter Weg nun keine sichere Straße mehr darstellte, sondern einem unberechenbaren Pfad im Dickicht glich, der mit jedem Schritt neue Gefahren gebar und die alte Unruhe in ihm weckte. Erneut flammte der zermürbende Kampf gegen das Unvorhersehbare auf, als er versuchte, die zerstörte Brücke im Geiste wieder aufzubauen, obwohl all sein Wille kein Holz heilen konnte. Hinter dieser schweren Müdigkeit verbarg sich die tiefe Sehnsucht, alles im Leben lenken zu wollen, obwohl das Außen stets ein unruhiger Strom blieb, der sich seinen Plänen entzog und seinen eigenen Lauf suchte. Wer sich der Wirklichkeit widersetzte, schuf sich selbst einen Feind. Das Fundament echter Ruhe lag darin, den inneren Widerstreit aufzulösen, das vergebliche Ringen mit dem Unabwendbaren, anstatt den Regen aufhalten zu wollen, als Ryu schweigend die Augen schloss. Als der Bote geendet hatte, schrie Ryu nicht auf, sondern legte den feinen Bambuspinsel, mit dem er eben noch Frachtlisten geprüft hatte, behutsam auf den hölzernen Tisch zurück, nahm die Nachricht an und verharrte reglos auf seiner Matte. Er gestand sich schweigend ein, dass dieser Augenblick genau so war, wie er sich zeigte, da er erst im Stillstehen gesammelte Richtung fand.
Obwohl er an manchen Tagen diese Haltung bewahren konnte, riss ihn ein mürrisches Murmeln des Wirts zur Mittagszeit jäh aus seiner Stille, sodass der vertraute Strudel aus Hast und innerem Widerstand ihn wieder mit sich riss und die Enttäuschung schwer wog. Nagende Zweifel schlichen sich in seine Gedanken und ließen ihn fragen, warum er trotz aller Übung noch immer über solche Winzigkeiten stolperte, als wäre jeder Fehltritt eine endgültige Niederlage, obwohl der Geist keineswegs dem stetigen Sommer glich. Wahre Gelassenheit bot keinen starren Schutzschild gegen die Winde des Gemüts, keinen Panzer aus Stein, sondern war vielmehr die Bereitschaft, geduldig im prasselnden Regen auszuharren, denn Unmut war kein Versagen. Erschöpfung und Zweifel glichen flüchtigen Nebelschwaden, die über die Gipfel der Kiefern zogen, ohne das weite Himmelszelt zu verändern, als der Sturm allmählich vorüberzog. Als ihn am Nachmittag eine Welle der Mutlosigkeit überkam, ergab er sich nicht dem endlosen Grübeln, sondern blickte durch die schmalen Ritzen der Zedernläden hinaus in das endlose Grau des Regens, bis das Rauschen des Wassers das Kreisen seiner Gedanken beruhigte und wieder Ruhe einkehrte.
Kaum jedoch breitete sich die Stille in ihm aus, da störte ihn das unerbittliche Trommeln des Regens auf dem Schindeldach, weil er sich nach einer schützenden Hülle sehnte, die jeden Laut von ihm fernhalten sollte, und er vergeblich gegen das Geräusch kämpfte. Jeder ferne Donnerschlag erschien ihm wie ein Angriff auf seinen inneren Frieden, wodurch sich sein Nacken verkrampfte, als er verzweifelt versuchte, das Getöse der Natur auszublenden, wodurch die Anspannung wuchs. Zudem forderte ihn die plötzliche Zähigkeit der Stunden heraus, da er untätig in der engen Kammer verharren musste, als draußen der Tag bleiern dahinstrich und das Warten zur Last wurde.
Um der Untätigkeit in der engen Kammer zu entfliehen, griff er nach seinem Beutel aus gegerbtem Hirschleder, ein abgewetztes Erbstück seines Vaters, zählte mit kalten Fingern die kupfernen Münzen oder nestelte unruhig an den geflochtenen Schnüren seiner Tasche, da er stetig Ablenkung suchte. Mit hastigen Handlungen wollte er die Langeweile überdecken, um der Trägheit der Gegenwart zu entkommen, statt den Augenblick zu ertragen, obwohl das Leben Geduld forderte. Wahre Gelassenheit errichtete keine uneinnehmbare Festung, in der kein Sturm wütete, sondern zeigte sich vielmehr in der Besonnenheit, mit der er dem unausweichlichen Wirrwarr der Welt begegnete, da Flucht kein Ausweg war. Als er den Drang zu entweichen spürte, zwang er sich nicht zur Ruhe, sondern ließ das Unbehagen einfach da sein, weil die wahre Freiheit im Zentrum des Sturms wuchs und er still sitzen blieb.
Als schließlich das schlammige Wasser durch die Schwellen drang und die kostbare Seidenfracht im tiefen Keller zu bedrohen begann, spitzte sich die Gefahr rasch zu, sodass die Not unmittelbare Tatkraft verlangte. Obwohl der Taifun draußen wütete und die Last der Schulden schwer auf seinen Schultern lag, stieg diesmal kein lähmender Zorn in ihm auf, sondern er handelte besonnen. Ryu besann sich mitten in der einbrechenden Dunkelheit, indem er die Fersen fest auf die Dielen presste, um das harte, tragfähige Fichtenholz unter seinen Füßen ganz bewusst zu spüren, und dieser feste Stand gab ihm inneren Halt.
Anstatt nutzlos gegen die unbezwingbare Natur anzukämpfen, stieg er mit einer Öllampe in den Keller hinab, packte die schweren Seidenballen mit seinem kräftigen Griff und hob sie auf. Dort lagerten sie auf den oberen Regalen aus stabiler Zeder vor dem eindringenden Wasser sicher.